Etwa 16 Kilometer nördlich von Hua Hin, kurz vor Cha-Am, führt eine Straße durch ein Militärgelände. Am Ende liegt ein Palast direkt am Strand — hellgelbe Holzpfeiler, blassblaue Wände, lange überdachte Galerien die über dem Sand schweben. Wer hier ankommt, versteht sofort warum der Mrigadayavan Palace auch „Palast der Liebe und Hoffnung“ heißt. Der Name klingt kitschig, aber der Ort ist es nicht.
Anders als der weiter südlich gelegene Klai Kangwon-Palast — der heute hinter Militärposten verschlossen ist — kann man den Mrigadayavan Palace tatsächlich betreten, durch die Räume gehen und sich vorstellen wie hier einmal jemand gelebt hat.

Der Name und seine Bedeutung
Mrigadayavan (มฤคทายวัน) ist Sanskrit und bezeichnet den Hirschpark von Sarnath in Nordindien — jenen Ort, an dem Buddha nach der Überlieferung seine erste Predigt hielt. König Rama VI. wählte diesen Namen bewusst: Er wollte, dass sein Sommerpalast ein Ort des Friedens wird. Zum selben Zweck erklärte er das umliegende Gelände 1924 zu einem Wildschutzgebiet — Hirsche, nach denen die ursprüngliche Gegend Huai Sai (Hirschbach) benannt war, sollten hier ungestört leben.
Der Palast ist auch als Maruekhathaiyawan bekannt — eine alternative Transkription desselben Namens.
Entstehung: Krank, aber bauwillig
König Vajiravudh (Rama VI.) litt seit seinen mittleren Regierungsjahren an Rheuma. Sein Leibarzt Phraya Phaet Phongsavisuttatibhadi riet ihm, mehr Zeit an der Küste zu verbringen — warme Luft, Meereswind, Bewegung. Der König hatte zunächst eine Residenz am Chao-Samran-Strand, doch die überzeugte ihn nicht: kein Süßwasser, schlecht erreichbar, zu nah an einem Fischerdorf.
Er suchte einen ruhigeren Ort und fand ihn in Cha-Am.
Den ersten Entwurf zeichnete Rama VI. selbst — er war nicht nur Monarch, sondern auch Dichter, Dramatiker und leidenschaftlicher Ästhet. Den Auftrag, diesen Entwurf architektonisch auszuarbeiten und die Bauleitung zu übernehmen, erhielt Ercole Manfredi, ein italienischer Architekt, der damals beim thailändischen Bauministerium angestellt war. Chao Phraya Yommaraj, Minister des Innern, überwachte die Ausführung.
Der Bau begann 1923. Das Material stammte zum Teil aus einer abgerissenen königlichen Residenz am Chao-Samran-Strand — Teak ist teuer, und Rama VI. war sparsam. Ende 1924 war der Palast fertig
Was gebaut wurde
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Sechzehn Teakholzgebäude, auf Betonstelzen errichtet, durch Galerien und Laufstege miteinander verbunden — insgesamt 399 Meter lang. Der Palast schwebt über dem Sand, der Meereswind zieht ungehindert durch die hohen Räume mit ihren Jalousien und Holzgittern. Es gibt keine Klimaanlage, und man braucht keine.
Manfredi hatte den Auftrag, die Anlage so zu gestalten, so dass sie trotz tropischer Hitze angenehm kühl bleibt. Dank seiner sorgfältigen Planung ist ihm dieses Ziel tatsächlich gelungen. Selbst an besonders heißen Tagen weht durch die offenen Korridore eine angenehme Brise, die für ein erfrischendes Klima sorgt.
Der Palast gliedert sich in drei Bereiche:
Samosorn Sevakamart — der Empfangssaal und das Theater. Rama VI. liebte das Theater leidenschaftlich und schrieb selbst Stücke.
Samutphiman — die persönlichen Gemächer des Königs. Schlafzimmer, Badezimmer, Ankleidezimmer, Arbeitszimmer mit Blick aufs Meer, Esszimmer. Hier steht noch sein Schreibtisch — mit Stiften und Papier, als hätte er gerade das Zimmer verlassen.
Phisarnsakhon — die Frauengemächer, für Ehefrauen und Hofdamen.
Zwei lange überdachte Gänge führen direkt vom Palast zum Strand — einer vom Königsbereich, einer vom Frauenflügel. Der Bau hat 1.080 Pfeiler und 23 Treppen.

Zwei Sommer, dann Stille
Rama VI. nutzte den Palast genau zweimal. Den ersten Sommer verbrachte er drei Monate hier, von Ende April bis Juli 1924. Im Frühjahr 1925 kam er erneut — zwei Monate. Dann fuhr er zurück nach Bangkok. Am 26. November 1925 starb er, 44 Jahre alt, ohne männlichen Erben.
Der Palast blieb leer.
Für fast vier Jahrzehnte stand er ungenutzt. Das Teak verwitterte langsam, der Meereswind und die Salzluft nagte an den Verbindungen. Erst 1965 ordnete König Bhumibol an, das Gelände der Luftunterstützungseinheit des Naresuan-Camps zu überlassen — seitdem liegt der Palast offiziell auf Militärgebiet, was erklärt warum man beim Besuch durch eine Schranke fährt.
1981 wurde der Palast als historische Stätte eingetragen. In den 1980er Jahren begannen erste Restaurierungsarbeiten durch die Grenzpolizei und das Fine Arts Department. 1992 wurde die Mrigadayavan Palace Foundation gegründet, unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Bejaratana — der einzigen Tochter Ramas VI. Sie leitete die Stiftung bis zu ihrem Tod 2011 und setzte das Erbe ihres Vaters damit fort.
Restaurierung: ein Jahrhundertprojekt
Teak ist eines der dauerhaftesten Hölzer der Welt — aber Salz, Feuchtigkeit und Jahrzehnte ohne Pflege hinterlassen Spuren. Die Restaurierung des Mrigadayavan Palace ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess.
2021 wurde die Mrigadayavan Palace Woodshop — eine Werkstatt, die traditionelle Holzhandwerker ausbildet und Restaurierungsarbeiten mit historischen Techniken durchführt — mit dem UNESCO Asia-Pacific Award for Cultural Heritage Conservation (Special Recognition for Sustainable Development) ausgezeichnet. Das ist eine der bedeutendsten Anerkennungen für Denkmalpflege in der Region.
Die Restaurierung zielt darauf ab, den Palast so nah wie möglich an seinen Zustand von 1924 zu bringen — mit authentischen Materialien und überlieferten Handwerkstechniken. Wer den Palast besucht, sieht an manchen Stellen noch laufende Arbeiten. Das gehört dazu, und es macht den Ort auf eine eigene Weise interessanter: Man sieht nicht nur Geschichte, sondern auch wie Geschichte bewahrt wird.
Von Mai 2021 bis Mai 2024 war der Palast für Restaurierungsarbeiten vollständig geschlossen. Seit dem 23. Mai 2024 ist er wieder für Besucher offen.
Was man heute sieht
Der Besuch beginnt außerhalb des Militärgeländes. An der Schranke weist man sich aus, dann geht es hinein — auf einem Weg durch Bäume und Gärten, bevor der Palast auftaucht.
Die Räume sind zugänglich und gut beschriftet. Im Arbeitszimmer des Königs stehen noch Originalmöbel — der Schreibtisch, an dem er Theaterstücke und Gedichte schrieb, das Sofa, das Bett. Es ist keine museale Inszenierung, sondern eher eine stille Hinterlassenschaft.
Das Theater-Empfangsgebäude gibt einen Eindruck von Ramas VI. kultureller Leidenschaft — er war einer der produktivsten Autoren, die Thailand je als König hatte, und übersetzte unter anderem Shakespeare ins Thailändische.
Ein Museum im Komplex zeigt persönliche Gegenstände und historische Dokumente. Eine Archivkammer fördert archäologisches Wissen. Die Foundation bietet zudem kostenlose Unterrichtsstunden in klassischer thailändischer Musik für Kinder an.
Hinter dem Palast: der Strand. Lang, ruhig, wenig Menschen — das Militärgelände hält den Massentourismus fern. Zwei überdachte Galerien führen direkt ans Meer.

Rama VI. — wer war er eigentlich?
Wer durch den Palast geht, fragt sich unweigerlich, wer dieser Mann war. Vajiravudh regierte Siam von 1910 bis 1925 und ist im Westen kaum bekannt — zu Unrecht.
Er studierte in England, in Eton und Oxford, und kehrte mit einer tiefen Vertrautheit mit europäischer Literatur und Theaterkultur zurück. Er schrieb unter einem Pseudonym Theaterstücke, Romane und Gedichte auf Thailändisch und übersetzte Shakespeare und andere westliche Klassiker. Auch gründete er die erste staatliche Universität Thailands, führte Familiennamen ein — vorher hatten Thais keine — und propagierte einen modernen Nationalismus.
Er war auch derjenige, der Siam 1917 auf die Seite der Alliierten im Ersten Weltkrieg brachte — eine strategisch kluge Entscheidung, die Siam Sitz und Stimme bei den Pariser Friedensverhandlungen sicherte.
Und er liebte das Meer. Dieser Palast ist das sichtbarste Zeugnis davon.
Praktische Informationen
Lage: Phetkasem Road, Cha-Am, Phetchaburi — etwa 16 km nördlich von Hua Hin, 10 km südlich von Cha-Am. Der Palast liegt auf dem Gelände des Rama-VI.-Militärcamps.
Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, 9:00–16:00 Uhr. Donnerstags nur für Schulgruppen mit Voranmeldung. Montag bis Mittwoch geschlossen.
Eintritt: Es gibt zwei Optionen:
- 90 Baht (untere Etage)
- 320 Baht (alle Bereiche)
Kleiderordnung: Schultern und Knie bedeckt. Am Eingang werden kostenlose Leihkleider ausgegeben falls nötig.
Die Schuhe müssen für die oberen Etage ausgezogen werden. An der Kartenkontrolle für den oberen Bereich, bekommt man einen Schuhbeutel um seine Schuhe mitnehmen zu können. Dieser wird beim Ausgang wieder abgegeben.
Anfahrt: Mit dem Taxi von Hua Hin etwa 30–40 Minuten, ca. 300–400 Baht. Mit dem Songthaew in Richtung Cha-Am und dann weiter mit Motorradtaxi oder Tuk-Tuk. Einen direkten öffentlichen Bus gibt es nicht.
Fotos: Im Außenbereich uneingeschränkt erlaubt. In Innenräumen bitte den Hinweisschildern folgen. Video Aufnahmen sind nicht gestattet.
Hinweis: Da der Palast auf Militärgebiet liegt, kann es sein, das am Eingang der Reisepass kontrolliert wird.
http://www.mrigadayavan.or.th/